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Verliebt im ( in den ) Bürgerbus

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Meine Großmutter hat mir mal wieder einen Brief mit einer kleinen Geschichte geschrieben, die ich gerne weitergeben möchte: Mein geliebter Enkel, kürzlich war ich am Donnerstag mal wieder auf dem Markt einkaufen. Na ja, eigentlich gehe ich da jeden Donnerstag einkaufen, denn den Bioladen kann ich mir auch nicht ständig leisten. Außerdem mag Svulli mein Freund so gerne die Käseecken, die es nur beim Bäcker auf dem Markt gibt. So tippelten wir von Stand zu Stand – Svulli ist seit seinem Vorfall noch etwas eingeschränkt – und kauften unsere Käseecken, ein paar Elstars, freilaufende Eier, ein Stück Wildmettwurst, Rapshonig und ein Stück Ziegenkäse mit Chili, weil ich es gerne mal scharf mag. Meistens lädt mich Svulli nach dem Markt- einkauf ins „Schnittchen“ zum Mittagstisch ein. Da wird alles frisch gekocht und man trifft dort mittags auch die Prominenz aus Banken und Verwaltung. Auch unsere Bürgermeisterin isst dort meistens am runden Tisch. Nach dem Schnittchen kamen wir an einem Stand vorbei. Dort hatten der Bürgerbusverein einen Stehtisch mit Schirm aufgestellt. Fünf gutaussehende Herren mittleren Alters verteilten dort die Fahrpläne des Bürgerbusses und versuchten mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Da einer wirklich gut aussah und Svulli noch zu Rossmann musste, habe ich mich ein weinig unterhalten. Ich finde diese Leute ja toll, vor allem, dass die das alles ehrenamtlich machen und auch wo die überall hinfahren. Die erleben ja auch so allerhand auf ihren Fahrten. Ich fragte dann auch gleich, ob es da vielleicht ein paar pikante Geschichten gibt. Dabei habe ich so ein bisschen mit den Augen gezwinkert. Erst guckte der gutaussehende Herr etwas komisch, aber dann legte er los. „Ja“ sagte er, „einmal ist mir etwas passiert, dass hätte fast meine Ehe gefährdet. Ich fuhr im letzten Jahr die Strecke Schneverdingen bis Wintermoor und zurück. Das ist unsere Linie 110, auch die blaue Linie genannt. Im Mai habe ich dann die blonde gutaussehende Dame zum ersten Mal gesehen. Sie fiel mir gleich auf, weil sie sehr gepflegt und hochklassig aussah. Sie schaute mir, als sie einstieg sekundenlang tief in die Augen und ich habe sofort gespürt, dass sie mich eher als Mann, als als Busfahrer ansah. Wir kamen auch sofort ins Gespräch, so als wären wir alte Bekannte. Sie erzählte mir, dass sie vor drei Jahren ihren Mann durch eine Krebserkrankung verloren hatte und sich nun in dem großen Haus doch sehr alleine fühlte. Sie wollte zu ihrer Schwester nach Wintermoor, die im Ehrhorner Heuweg wohnte. Bisher war sie immer mit dem Erixx gefahren, aber das sei ihr doch auf Dauer zu teuer. Man habe es ja einfach nicht geschafft, HVV-Einzeltarife anzubieten. Nun habe sie den Fahrplan des Bürgerbusses in die Hände bekommen und sie fand es toll, wohin der Bürgerbus überall fährt. Lünzen, Zahrensen, Wesseloh, Insel, Großenwede und auch noch bis Heber. Sie wollte sich gleich Tageskarten besorgen, damit sie dann mit ihren Freundinnen mal die umliegenden Ortschaften besuchen konnte. Und sie war natürlich auch begeistert, dass sie quasi vor ihrem Haus einsteigen und bei ihrer Schwester aussteigen konnte.„ Da mich das eigentlich nicht so sehr interessierte fragte ich denn, „Und wie ging das denn weiter, so mit Euch beiden, hat sich da was ergeben“. Er grinste mich nur an und erklärte mir dann mit diesem bedeutsamen Männerblick:“ Wie heißt das doch so schön, der Kavalier genießt und schweigt. Es hätte etwas wunderbares sein können, aber ich wollte meine Ehe nicht gefährden“. So recht reichte mir diese kurze Antwort nicht, ich hatte nämlich so eine Ahnung, wer diese „hochklassige, gepflegte“ Dame war. Die ganze Geschichte hörte sich sehr nach meiner Freundin Gesine an, die tatsächlich seit drei Jahren von ihrem Mann geschieden war. Allerdings nicht durch Tod, sondern durch das Lüneburger Familiengericht. Das Haus in der Bergstraße hatte sie zugesprochen bekommen. Und dass sie eine Schwester in Wintermoor hatte, wusste ich auch. Aber von einer Affäre mit Jan-Johann, so hieß nämlich der Busfahrer, hatte sie mir nie etwas erzählt. Ich habe mich dann nett von Jan-Johann verabschiedet und mir noch einen Fahrplan mitgeben lassen. Zuhause habe ich dann sofort Gesine angerufen. Bevor sie mir einen vollständigen Satz sagen konnte, unterbrach ich sie: „ Ich weiß alles über Dich und Jan-Johann. „Was meinst Du, ich kenne keinen Jan-Johann“. „Leugnen ist zweck- los,“ sagte ich, „ich habe nicht nur mit ihm selbst gesprochen, ich kenne auch seine Frau. Am besten wir treffen uns heute nachmittags bei Hoppe, dann können wir alles besprechen.“ Damit waren alle Dämme gebrochen. Sie fing schon am Telefon an zu heulen und später noch mehr. Es war eine unglaublich schöne, aber auch traurige Liebesgeschichte, die leider kein Happy-End hatte. Es ging um viele Stationen des Bürgerbusses, um Picknickkörbe und kleine Umwege um Schneverdingen herum. Falls Du möchtest, werde ich Dir die ganze Geschichte mal in einem meiner nächsten Briefe erzählen. Übrigens ist Svulli ist für 3 Wochen zur Kur in St. Peter-Ording. Das wäre doch eine gute Gelegenheit Schneverdingen und Umgebung per Bürgerbus kennen zu lernen. Für eine Tageskarte von 4,00 Euro kann man sicher viel Spaß haben. Ich habe auch schon in Erfahrung gebracht, wann und wo diese gut aussehenden Männer eingesetzt sind. Vielleicht werde ich weiter berichten. Herzliche Grüße, Deine Dich liebende Großmutter

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1 Kommentare zu diesem Beitrag

Am Donnerstag, 13. April 2017 schrieb herrmeier

Mit einem Lächeln habe ich diese Geschichte gelesenund freue mich das der Bürgerbus gut angenommen wird.

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