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Die blauen Frösche vom Pietzmoor

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Der Frühling scheint auch in Schneverdingen angekommen zu sein. Wie mir meine Großmutter in ihrem letzten Brief berichtet, war im Pietzmoor einiges los. Hören Sie selbst: Mein geliebter Enkel, da in letzter Zeit auch das Wetter in Schneverdingen besser geworden ist, gehe ich jetzt häufiger in die Natur. Die Heide ist noch ein wenig grau und öde, deshalb beschloss ich, mal wieder ums Pietzmoor zu wandern. Einmal um das Quarree sind das gut 4 km, also eine gute Stunde Spaziergang. Als ich auf den ersten Steg kam, war ich doch sehr überrascht. Mittwoch um 10 Uhr morgens ging ich nicht davon aus, dass die Holzstege sehr belebt sein würden. Zu meinem Erstaunen waren die Stege voller Leute, d. h. es standen an bestimmten Stellen Menschentrauben herum und starrten angestrengt in die Gewässer. Viele hatten Fotoapparate dabei und auch ein ganze Reihe Stative mit Kameras obendrauf standen auf den Stegen. Endlich kam mir in den Kopf worauf diese Leute warteten bzw. es fototechnisch abgesehen hatten. Ich hatte gerade in der Schnever- dinger Zeitung einen Artikel über die Moorfrösche gelesen. Die Männchen dieser Froschart nehmen nämlich im Frühling zur Laichzeit eine blaue Färbung an, um der Damenwelt –natürlich vor allem der Froschdamenwelt – zu imponieren. Diese blauen Froschmänner hatten die Hype dieser Menschenmassen auf den Stegen ausgelöst. Auch ich bin dann an diesem einen Quersteg, der ein wenig ins Wasser hineinragt stehen geblieben. Ein blauer Frosch war aber nicht zu sehen. Jeder, der ankam fragte dann wohl die bereits Anwesenden, ob sie bereits einen blauen Frosch gesehen hatten. Es gab offensichtlich keine positive Antworten, denn entweder wanderte man weiter oder man entschloss sich ein paar Minuten zu warten. Plötzlich rief einer, der ziemlich dicht am Wasser stand „ Da ist was Blaues !“ Alle Köpfe ruckten nach vorne und tatsächlich etwas Blaues kam langsam aus der Tiefe des unergründlichen Moores emporgeschwebt. So langsam konnte man das blaue Etwas erkennen. Allerdings wurde schnell klar, das das kein Frosch war. Denn welcher blaue Frosch trägt auf seinem Rücken die rote Aufschrift „Sammy Gum“ . Das Kaugummipapier sank dann auch schnell wieder tiefer. Vielleicht hatte sich ein Froschweibchen diesem Stück Papier schon in auf- reizender Pose genähert und war sehr enttäuscht, dass das Männchen so flach war. Ich sah zumindest keinen blauen Frosch. Dafür sah ich aber etwas anderes. Direkt neben einem Stativ, dass ein bärtiger älterer Mann aufgebaut hatte – das eine Stativbein war fast im Wasser -- schlängelte sich eine mittelgroße Kreuzotter entlang. Unwillkürlich rief ich ziemlich laut „ Achtung Kreuzotter!“ Als hätte ich in ein Wespennest gestochen, rissen alle ihre Köpfe herum und riefen „Wo wo ?, Ich seh‘ nichts !“ Ich zeigte auf die Kreuzotter, die wohl auch schon etwas nervös durch das Grass glitt und löste damit eine mittlere Panik aus. Entsetzt rissen die Menschen ihre Kameras inklusive Stativ an sich und flüchteten ein ziemliches Stück auf den Steg entlang. Der bärtige „Kameramann“ geriet voll in Panik und sprang mit einem Satz ins Wasser. Die Schlange ringelte sich um die Stativbeine, trollte sich allerdings ins Gebüsch als das Stativ inklusive Kamera umfiel und laut ins Wasser platschte. Der Bärtige stand bis zu den Knien im Wasser und rief voller Todesangst laut um Hilfe. „ Ich versinke hier im Moor, holt mich raus !„ Ein Kamerakollege von ihm rief dann auch gleich allerdings aus einem gehörigen Abstand : „ Nicht bewegen Hans Dieter, sonst versinkst Du immer schneller, wir holen ein Seil!“ Bemerkenswert war aus meiner Sicht, dass die meisten Menschen auf den Steg, sich nicht um Hilfe für den Bärtigen bemühten, sondern erstmal ihre Kameras zückten, um die Hilferufe des Bärtigen für die Nachwelt fest zu halten. Ich kenne diese Stelle des Pietzmoores recht gut, deshalb wusste ich auch, dass der Bärtige auf festem Untergrund stand. Es hatte nämlich in den letzten Wochen viel geregnet, wodurch ein breiter Grasstreifen überflutet war. Auf diesem Streifen stand der Bärtige. Ich trat deshalb etwas näher und sagte ganz ruhig zu dem „Todesdeliquenten“: „Sie können jetzt normal zum Ufer gehen, ich helfe Ihnen rauf, die Schlange ist weg !„ So hievten wir- inzwischen waren noch ein paar „Todesmutige“ hinzugekommen – den Bärtigen auf den Randstreifen und den Steg. Wenn ich mich nicht diskret zurückgezogen hätte, wäre er mir vor Erleichterung wohl um den Hals gefallen. Allerdings hatte sich ein Schuh des Bärtigen verklemmt, denn er kam nicht gemeinsam mit seinem Besitzer aus dem Wasser. So hatte sich das Moor doch noch sein Opfer geholt, auch wenn es nur ein Schuh war. Vielleicht werden in tausend Jahren oder später Archäologen diesen einzelnen Schuh finden und lange rätseln, wo der Besitzer wohl geblieben ist. Mein geliebter Enkel, es grüßt Dich ganz herzlich Deine Dich liebende Großmutter

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