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Cittaslow in Town

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Nach einer längeren krankheitsbedingten Pause hat mir meine Großmutter aus Schneverdingen wieder geschrieben: Mein geliebter Enkel, es war schön, dass Du mich in der Endo-Klinik in Hamburg besucht hast. Ich wusste ja gar nicht, dass Deine Arbeitsstelle ganz in der Nähe liegt. Meiner Austauschhüfte geht es schon ganz gut. Ich laufe schon wieder wie ein junges Reh, um es mal etwas übertrieben zu formulieren. Ein Reh mit Krücken…na, ja. In Schneverdingen ist in meiner Abwesenheit etwas Großartiges passiert. Wir sind jetzt im Netzwerk der „langsamen Städte“, neudeutsch „Cittaslow“ genannt eingebunden. Ab jetzt wird alles in Schneverdingen sehr langsam gehen. Um dies zu betonen, gibt es jetzt überall kleine Schilder mit einer Schnecke drauf. Hinten auf den Schildern steht dann immer der Name eines Mitarbeiters der Stadt. Nein, natürlich nicht der Nachname, das geht doch nicht wegen des Datenschutzes, aber der Vorname einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters wird genannt. Man will damit sicherlich auch Bürgernähe erreichen, d.h. man soll die Mitarbeiter in der Verwaltung duzen. Also das ist ja richtig süß, dass jeder der Mitarbeiter eine Schnecke ist. Ich wusste zwar, dass unsere Bürger- meisterin Meike mit Vornamen heißt, dass man sie aber auch mit „Maike“ ansprechen kann, wusste ich nicht. Na, ja die eine Schnecke ist jedenfalls Meike oder auch Maike. Mein Nachbar erzählte mir übrigens dass er auch ein Schneckenschild gefunden habe. Dies ziert jetzt seinen Partykeller. Ach ja, ich wollte Dir ja noch über den Grund für die „Entschleunigungsaktion“ berichten. Du und jeder hier in Schneverdingen weiß ja, dass sich sehr viele Fuß-und Radwege in Schneverdingen in einem katastrophalen Zustand befinden. Die Auffaltungen durch Wurzeln der Straßenbäume haben in manchen Straßen schwindelnde Höhen erreicht, sodass sie ohne Bergausrüstung kaum noch zu bewältigen sind. Die Stadtverwaltung versucht diese monumentalen Auffaltungen zwar mit weißer Farbe als Gletscher zu kennzeichnen, aber mit einem Rollator geht es manchmal ohne Flaschenzug kaum noch weiter. Da es nun bei unseren Gästen aus nah und fern nicht gut ankommen würde, wenn man Schilder aufstellen würde : „Radweg in schlechtem Zustand, bitte langsam fahren“ oder „Befahren des Radwegs auf eigene Gefahr, die Stadt übernimmt keine Haftung“ oder am Fußweg würde stehen: „Unbefahrbar für Rollatoren, nutzen Sie die andere Straßenseite“. Solche Schilder wären sicherlich nicht populär, deshalb kam natürlich die Cittaslow-Schnecke wie gerufen. Nun kann man endlich darauf hinweisen, dass der Zustand der Straßen und Wege absichtlich mit Hindernissen – sprich Schlaglöchern und Auffaltungen gespickt wird, um das Cittaslow –Projekt umzusetzen. Vielleicht kann man dann ein Schild mit dem Hinweis “Danger- Cittaslow-Aktion, believe in God“ aufstellen. Und an jeder Auffaltung und an jeder lebensbedrohlichen Stelle werden dann die kleinen Schneckenschilder eingesteckt. Natürlich mit einem kleinen Extraschildchen: „Bitte vorsichtig umfahren“. Ein Problem wird sich allerdings daraus ergeben, dass irgendwann die Vornamen ausgehen, denn so viele Mitarbeiter hat die Stadtverwaltung nun ja auch nicht. Wahrscheinlich gibt es dann „Patenschildchen“, die die Schneverdinger Bürger für z.B. 5,00 Euro erwerben können inklusive mit Vornamen auf der Rückseite. Für 10,00 Euro könnte man sogar Schneckenschilder mit vollständigem Namen anbieten. Und von dem gesamten Verkaufserlös werden dann die schlimmsten Stellen repariert. Na, ja zur Vorbereitung dieser Aktionen wurden schon einmal die Straßenlaternen ausgetauscht, damit man später die Schildchen besser lesen kann. Aber die neuen Laternen sind wirklich gut, man hat jetzt echt das Gefühl, dass die Nachkriegszeiten vorbei sind. In dem Sinne grüßt Dich ganz herzlich, Deine Dich liebende Großmutter.

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